Sprachbildung, die Kinder und Eltern erreicht: DaZ meets Montessori in Müncheberg

Kinder und Eltern bei der Abschlussausstellung der Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori" in Müncheberg

Auf einen Blick

Sprachliche Vielfalt ist in Kitas und Schulen längst Alltag – klassischer Förderunterricht allein reicht oft nicht aus. Am Beispiel der LEADER-geförderten Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori“ in Müncheberg zeigt dieser Beitrag, wie Montessori-Pädagogik gezielt zur Sprachbildung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache eingesetzt werden kann – und was das Modellprojekt über gelingende Kooperation zwischen außerschulischem Lernort und Grundschule lehrt. Er richtet sich insbesondere an Kitas, Schulen und Träger, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, und liefert Ansatzpunkte für die eigene Praxis – von alltagsintegrierter Sprachförderung bis zur Gestaltung verbindlicher Kooperationsstrukturen.

Wesentliche Learnings:

  • Sprache entsteht am wirksamsten durch Handeln, Wiederholung und alltagsintegrierte Sprachanlässe – nicht durch isolierten Förderunterricht.
  • Außerschulische Lernorte wirken nur dann nachhaltig, wenn sie organisatorisch und inhaltlich fest in den Schulalltag eingebunden sind.
  • Sprachbildung sollte möglichst früh beginnen – idealerweise schon im letzten Kitajahr, am Übergang zur Grundschule.
  • Tragfähige Strukturen entstehen durch verbindliche Kooperation zwischen Kita, Schule, Kommune und außerschulischen Partnern – nicht durch zeitlich befristete Projekte.
  • Sichtbare Ergebnisse wie eine Abschlussausstellung erreichen auch Eltern, die Schulen sonst nur schwer erreichen – im Projekt kamen ausnahmslos alle Eltern der beteiligten Kinder.

Wie fühlt es sich an, eine Sprache nicht zu verstehen?

Wie fühlt es sich an, morgens in die Kita oder Schule zu kommen und nicht zu wissen, was die anderen Kinder sagen? Nicht zu verstehen, was die Erzieherin oder Lehrkraft erklärt? Mitspielen zu wollen, aber die passenden Wörter nicht zu finden?

Für viele Kinder mit Migrationsgeschichte gehört dieses Gefühl zum Alltag.
Gleichzeitig erleben pädagogische Fachkräfte in Kitas und Schulen, dass sprachliche Vielfalt längst selbstverständlich geworden ist. Immer mehr Kinder wachsen mehrsprachig auf und bringen unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen mit. Viele Einrichtungen stellen sich daher dieselben Fragen:

  • Wie können wir Kinder mit unterschiedlichen Familiensprachen sprachlich begleiten, ohne sie zu überfordern?
  • Wie gelingt Sprachförderung im Alltag – nicht nur in zusätzlichen Förderstunden?
  • Und welche Möglichkeiten bietet die Montessori-Pädagogik, Kinder auf ihrem Weg des Zweitspracherwerbs zu unterstützen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch das Institut MONTESSORIheute.

Sprache entsteht durch Handeln

Kinder lernen Sprache, indem sie handeln, beobachten, wiederholen, ausprobieren und mit ihrer Umgebung in Beziehung treten. Genau hier setzt die Montessori-Pädagogik an. In einer vorbereiteten Umgebung entdecken Kinder ihre Welt handelnd, mit allen Sinnen und in ihrem eigenen Lerntempo. Sprache verbindet sich mit Wahrnehmung, Bewegung und Handlung.

Die Montessori-Materialien unterstützen diesen Prozess auf vielfältige Weise. Besonders die Drei-Stufen-Lektion ermöglicht Kindern mit Deutsch als Zweitsprache, neue Begriffe systematisch kennenzulernen, zu verstehen und schließlich selbst aktiv anzuwenden. Ebenso wichtig sind alltagsintegrierte Sprachlerngelegenheiten.

Beim gemeinsamen Frühstück, beim Anziehen, beim Arbeiten mit den Materialien oder beim Spielen entstehen unzählige Gesprächsanlässe. Durch Benennen, Wiederholen, sprachliche Erweiterungen, korrektives Feedback und handlungsbegleitendes Sprechen begleiten pädagogische Fachkräfte die Sprachentwicklung der Kinder ganz selbstverständlich im Alltag.

„DaZ meets Montessori“ – wenn Sprachbildung erlebbar wird

Aus dieser pädagogischen Haltung entstand die Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori“, die im Rahmen des LEADER-Programms gefördert wurde. Ziel war es, Kindern der Müncheberger Grundschule mit Deutsch als Zweitsprache einen außerschulischen Lernort anzubieten, an dem sie in einer vorbereiteten Montessori-Umgebung Sprache handelnd erleben können.

Im Mittelpunkt stand das Arbeiten mit Montessori-Materialien, lebensweltbezogene Themen sowie die bewusste sprachliche Begleitung durch die pädagogischen Fachkräfte.
Die Kinder konnten in ihrem eigenen Tempo lernen, Materialien selbst auswählen, Begriffe entdecken, Gespräche führen und Sprache in konkreten Handlungssituationen erleben.

Wortkarten und Naturmaterial zur alltagsintegrierten Sprachförderung in der Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori

Was wir beobachten konnten – Unsere Erfahrungen

Die Entwicklung der Kinder hat uns in unserem pädagogischen Ansatz bestätigt. Besonders deutlich wurde, dass Sprache dort wächst, wo Kinder sich sicher fühlen und selbst aktiv werden dürfen. Die vorbereitete Montessori-Umgebung bot hierfür einen geschützten Rahmen. Ebenso entstanden durch die gemeinsame Arbeit neue Freundschaften und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Sprache wurde dabei nicht zum Unterrichtsgegenstand, sondern zum natürlichen Bestandteil gemeinsamer Erfahrungen.

Die Abschlusspräsentation zeigte eindrucksvoll, mit welchem Stolz die Kinder ihre Arbeit präsentierten und wie selbstverständlich sie ihre erworbenen Sprachkompetenzen einsetzten. Besonders bemerkenswert: Zu dieser Ausstellung kamen ausnahmslos alle Eltern der beteiligten Kinder. Damit gelang nebenbei, was Schulen oft am schwersten fällt – Eltern mit Migrationsgeschichte überhaupt in die Schule zu holen.

Kinder arbeiten gemeinsam mit Ton-Material in der Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori
Montessori-Material zur Entwicklung der Schrift im Einsatz in der Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori

Sprachbildung ist auch Familienbildung

Auch die Eltern erlebten die Lernwerkstatt als wertvollen Bildungsort. Einige Familien wünschten sich eine weiterführende Begleitung ihrer Kinder. Heute besuchen bereits mehrere Kinder zusätzlich die Lernwerkstatt des Instituts und werden dort individuell unterstützt. Darüber hinaus wurde sichtbar, dass Sprachbildung immer auch Familienbildung bedeutet.

Besonders Mütter mit Migrationsgeschichte verfügen häufig über wenige Möglichkeiten, ihre Deutschkenntnisse im Alltag anzuwenden oder soziale Kontakte aufzubauen. Erste Begegnungsangebote unseres Instituts zeigten, wie wichtig geschützte Räume sind, in denen Vertrauen, Austausch und sprachliche Teilhabe wachsen können.

Was wir daraus gelernt haben

Modellprojekte haben eine besondere Stärke. Sie zeigen nicht nur, was gelingt, sondern auch, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit neue Ideen dauerhaft wirken können. So wurde im Verlauf des Projektes deutlich, dass sich neue Bildungsangebote nicht automatisch in den Schulalltag integrieren. Besonders zu Beginn standen viele Kinder vor einem Spannungsfeld.

Einerseits freuten sie sich auf die Lernwerkstatt, andererseits wollten sie Klassenarbeiten, Sportangebote oder besondere Unterrichtsveranstaltungen ihrer Klasse nicht verpassen. Für einige Kinder entstand dadurch das Gefühl, sich zwischen zwei wichtigen Lernorten entscheiden zu müssen.Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass erfolgreiche Kooperation weit mehr bedeutet als eine organisatorische Vereinbarung.

Außerschulische Lernorte können ihre Wirkung dann am besten entfalten, wenn sie als gemeinsamer Bestandteil des Bildungsauftrages verstanden werden. Dazu braucht es verbindliche Absprachen, klare Rollen, regelmäßige Kommunikation und eine gegenseitige Wertschätzung aller Beteiligten. Kinder erleben sehr genau, ob Schule und außerschulischer Lernort gemeinsam handeln. Dort, wo diese Zusammenarbeit sichtbar wird, entsteht Sicherheit – und damit eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Lernen.

Früh beginnt, wirkt am längsten

Ein weiterer wichtiger Lernprozess war die Erkenntnis, dass Sprachbildung möglichst früh beginnen sollte. Viele sprachliche Grundlagen werden bereits vor der Einschulung gelegt. Deshalb sehen wir großes Potenzial darin, Montessori-orientierte Sprachbildungsangebote bereits im letzten Kitajahr zu etablieren und den Übergang zwischen Kita und Grundschule gemeinsam zu gestalten.

Gleichzeitig bleiben außerschulische Lernorte auch während der gesamten Grundschulzeit eine wertvolle Ergänzung, wenn sie konzeptionell eingebunden und von allen Beteiligten gemeinsam getragen werden.
Besonders bewegt hat uns eine Beobachtung nach Abschluss des Projektes. Immer wieder fragten uns Kinder: „Wann ist endlich wieder Lernwerkstatt?“ Diese Frage zeigt, dass Vertrauen, Zugehörigkeit und Freude am Lernen Zeit brauchen. Sie macht aber auch deutlich, wie bedeutsam solche Lernorte für Kinder sein können.

Aus Erfahrungen entstehen neue Perspektiven

Die Ergebnisse der Lernwerkstatt haben wir gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Grundschule Müncheberg, der Kitas Spatzennest und Rappelkiste, der Stadt Müncheberg als Schulträger und des Regionalmanagements reflektiert. Dabei wurde deutlich, dass viele Einrichtungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Alle Beteiligten sehen einen wachsenden Bedarf an früher Sprachbildung und präventiver Förderung.

Der Übergang von der Kita in die Grundschule wurde von allen Seiten als eine der wichtigsten Bildungsphasen benannt. Ebenso bestand Einigkeit darüber, dass dauerhafte Kooperationsstrukturen nachhaltiger wirken als zeitlich begrenzte Projekte. Mit dem ab August 2026 geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für alle Erstklässler eröffnen sich neue Möglichkeiten, außerschulische Lernorte wie die Lernwerkstatt fester in die schulische Bildungslandschaft einzubinden und Kooperationen mit planbarer Finanzierung langfristig zu gestalten.

Für uns bestätigt sich damit, dass Sprachbildung als gemeinsame Aufgabe verstanden werden muss – von Kitas, Schulen, Familien, Kommunen und außerschulischen Bildungspartnern.

Unsere Erfahrungen geben wir weiter

Die Erfahrungen aus der Lernwerkstatt fließen heute in die Arbeit des Instituts MONTESSORIheute ein.
Wir begleiten Kindertageseinrichtungen, Schulen und Träger bei der Entwicklung sprachsensibler Montessori-Konzepte, bieten Fortbildungen und Workshops für pädagogische Teams an und unterstützen Einrichtungen dabei, Sprachbildung alltagsintegriert und materialgestützt umzusetzen.

Für Einrichtungen unserer Region entwickeln wir darüber hinaus außerschulische Lernangebote und kooperative Projekte, die Kinder mit Deutsch als Zweitsprache individuell begleiten und den Übergang zwischen Kita und Schule stärken. Die sprachliche Vielfalt unserer Kinder wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. Umso wichtiger ist es, pädagogische Konzepte zu entwickeln, die Sprache nicht losgelöst vermitteln, sondern sie mit Sinneserfahrungen, Handlung, Selbstständigkeit und der vorbereiteten Montessori-Umgebung verbinden.

Denn genau dort kann Sprache nachhaltig entstehen und Kinder erfahren, dass sie mit ihren Fähigkeiten und ihrer Mehrsprachigkeit willkommen sind. Wir freuen uns über den Austausch mit Kitas, Schulen, Trägern und Kommunen, die diesen Weg gemeinsam mit uns gestalten möchten – durch Fortbildungen, Konzeptentwicklung oder regionale Kooperationen für Kinder und Familien.

Redaktion & Kontext

Dieser Beitrag ist ein Projektbericht auf Basis der Lernwerkstatt „DaZ meets Montessori“, die im Rahmen des LEADER-Förderprogramms am Institut MONTESSORIheute in Müncheberg durchgeführt wurde – in Kooperation mit der Grundschule Müncheberg, den Kitas Spatzennest und Rappelkiste sowie der Stadt Müncheberg als Schulträger.

Redaktion: MONTESSORIheute – Institut für Montessori- und Heilpädagogik.

Übergabe der Förderplakette „Regionalbudget 2025 – Lernwerkstatt DaZ meets Montessori